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ChatGPT Sites: Der Baukasten, den es in der EU nicht gibt
ChatGPT baut, hostet und veröffentlicht seit Juli 2026 Websites direkt aus dem Chat – nur nicht im EWR, in der Schweiz und in UK. Was Sites technisch kann, was vertraglich verboten ist und warum die gesperrte Region die interessantere Geschichte ist. Stand: Juli 2026.
Von Boaz Lichtenstein Bei Google bevorzugen

Es gibt eine seltene Sorte Produktankündigung: die, über die alle schreiben und die hier niemand aufrufen kann. ChatGPT Sites, seit dem 9. Juli 2026 allgemein verfügbar, gehört dazu. Du beschreibst im Chat eine Website oder eine kleine Web-App, ChatGPT baut sie, hostet sie und gibt dir eine Adresse zurück – Entwurf, Deployment und Betrieb in einem Fenster. Nur eben nicht im Europäischen Wirtschaftsraum, nicht in der Schweiz und nicht in Großbritannien. Was das Werkzeug kann, was es vertraglich nicht darf und warum die Sperre die interessantere Geschichte ist. Stand: Juli 2026.
Das Wichtigste in Kürze
- Sites ist im EWR, der Schweiz und in UK nicht verfügbar – ohne angekündigten Termin und ohne Begründung in den Release-Notes.
- Es entstand aus „Codex Sites“ (Juni, nur für Workspaces) und ist seit dem 9. Juli Teil von ChatGPT Work auf allen bezahlten Plänen außer Free und Go.
- Technisch läuft es auf Cloudflare Workers mit D1-Datenbank und R2-Dateispeicher; jede Deploy-Adresse ist Produktion, ein Staging gibt es nicht.
- Verkaufen ist vertraglich verboten: keine Zahlungen, keine Kartendaten, keine Finanz- oder Krypto-Transaktionen, keine Gesundheitsdaten.
- Veröffentlichte Seiten liegen unter
<name>.openai.chatgpt.site– eine Adresse, die nach Absender aussieht, aber keiner ist.
Was Sites ist: vom Chat zur gehosteten Website
Der Ursprung liegt im Juni 2026, als OpenAI die Funktion als
Workspace-Beta in Codex startete, aufrufbar über @Sites. Mit dem 9. Juli wurde daraus ChatGPT Sites: verfügbar auf den bezahlten
Plänen außer Free und Go, erstellt in ChatGPT Work im Browser oder in
Work beziehungsweise Codex in der Desktop-App.
Der Ablauf ist bewusst kurz. Du beschreibst, was entstehen soll, hängst Dateien, Daten oder Links an und bekommst eine Vorschau, die zunächst nur du und die Workspace-Administration sehen. Änderungen erfolgen im Gespräch. Beim Veröffentlichen wählst du die Reichweite – nur du, ausgewählte Personen, der ganze Workspace oder das offene Internet – und erhältst eine Adresse.
Ein Detail lohnt besondere Aufmerksamkeit: Jede Deploy-Adresse ist eine Produktionsadresse. Es gibt keine Testumgebung daneben. Wer etwas prüfen will, bevor es live geht, muss ChatGPT ausdrücklich bitten, eine Version zu speichern, ohne sie auszurollen. Wer das nicht weiß, veröffentlicht seinen ersten Entwurf.
Positioniert ist Sites erkennbar für den kurzen Weg zwischen Idee und Adresse: Dashboards, Projekt-Tracker, Launch-Kalender, interne Portale, Berichte, Prototypen, kleine Rechner und Nachschlagewerke. Also für Dinge, die heute als Tabelle mit sechs Registerkarten herumliegen und für die niemand ein Projekt aufsetzen würde. Das ist eine ehrliche Nische – und sie erklärt zugleich, warum der Funktionsumfang darunter so zugeschnitten ist, wie er ist.
Die Sperre: EWR, Schweiz, UK
OpenAI hält es in seiner Hilfe knapp: Sites sei zum Start im Europäischen Wirtschaftsraum, in der Schweiz und im Vereinigten Königreich nicht verfügbar. Kein Zeitplan, keine Erläuterung, und in den Release-Notes des Julis taucht das Thema nicht wieder auf. Für deutschsprachige Nutzer heißt das schlicht: Die Funktion erscheint nicht, auch wenn ChatGPT Work selbst normal läuft.
Warum, sagt OpenAI nicht – und alles Weitere wäre Spekulation. Als Einordnung, nicht als Erklärung: Sites verschiebt OpenAI von einem Anbieter, der Antworten erzeugt, zu einem, der fremde Inhalte hostet und öffentlich ausliefert. Das berührt einen anderen Satz Pflichten – von Verantwortlichkeit für gehostete Inhalte über Beschwerdewege bis zu Transparenzanforderungen –, als ein Chatfenster sie auslöst. Dazu passt eine dokumentierte Einschränkung: Sites unterstützt weder Daten- noch Inferenz-Residenz, also genau die Zusagen, die OpenAI europäischen Enterprise-Kunden sonst anbietet. Belegt ist der Zusammenhang nicht; er wäre die naheliegende Lesart.
Was drin steckt – und wo die Grenzen liegen
Unter der Oberfläche ist Sites erstaunlich ernsthaft gebaut. Es läuft auf Cloudflare Workers, bekommt mit D1 eine relationale Datenbank und mit R2 einen Objektspeicher für Dateien; Anmeldung ist über die Workspace-Identität oder „Sign in with ChatGPT“ möglich. Damit sind kleine Anwendungen mit echten Daten drin, nicht nur Prospektseiten.
| Geht | Geht nicht |
|---|---|
| Serverseitige Logik auf Cloudflare Workers | Node-Server, Postgres, externe Datenbanken |
| D1 für Datensätze, R2 für Dateien und Uploads | Hintergrundjobs, dauerhafte Prozesse, WebSockets |
| Anmeldung per Workspace oder „Sign in with ChatGPT“ | Daten- oder Inferenz-Residenz |
| Eigene Domain per DNS-Eintrag | Eigene Domain in Enterprise-Workspaces (zum Start) |
| Versionen speichern statt sofort ausrollen | Wiederherstellen gelöschter Sites |
Dazu kommen plan-abhängige Beta-Grenzen für Speicher, Traffic und Anzahl der Sites: Sind sie erreicht, lässt sich nichts Neues anlegen oder öffentlich stellen, bis der Verbrauch sinkt. Und Löschen ist endgültig, ohne Wiederherstellung.
Verkaufen verboten
Die härteste Grenze ist keine technische. OpenAI untersagt für Sites ausdrücklich das Abwickeln von Zahlungen, die Verarbeitung von Kartendaten sowie Finanz- und Krypto-Transaktionen; ebenso Gesundheitsdaten und Angebote an Kinder unter 13 Jahren.
Damit ist die naheliegendste Frage beantwortet: Ein Shop wird das nicht. Kataloge, Produktgalerien, Landingpages, interne Portale, Dashboards, Projekt-Tracker, Rechner – ja. Der Kaufabschluss gehört woanders hin. Wer ohnehin darüber nachdenkt, wie Handelsinhalte für KI-Systeme auffindbar werden, findet die passende Perspektive in LLM-Optimierung für Shops.
Das Vertrauensproblem der Adresse
Ein Punkt bekommt in der Berichterstattung zu wenig Gewicht.
Veröffentlichte Sites liegen auf einer gemeinsamen Hosting-Domain, und
die sieht in OpenAIs eigener Dokumentation so aus:
goblin-tales.openai.chatgpt.site. Das Muster ist
<name>.openai.chatgpt.site – der Bestandteil „openai“ gehört zur
Plattform, nicht zum Absender. Er sagt nichts darüber aus, wer die
Seite gebaut hat.
Für die meisten Menschen liest sich eine Adresse aber von links nach rechts als Herkunftsangabe. Eine Seite unter einer Domain, in der „openai“ steht, wirkt amtlicher, als sie ist. Für Marken heißt das: Es lohnt, den eigenen Namen in dieser Umgebung im Blick zu behalten. Für alle anderen gilt die alte Regel in neuer Kulisse – die Vertrauenswürdigkeit einer Seite ergibt sich nicht aus dem, was in der Adresse steht, sondern aus einem Impressum, einer nachprüfbaren Identität und einem Absender, der sich unabhängig bestätigen lässt. Wie schnell überzeugende Fälschungen heute entstehen, ordnet der Beitrag Deepfakes erkennen ein.
Was du stattdessen nutzt
Für die gesperrte Region bleibt die unromantische Antwort: dieselben Werkzeuge wie vorher, nur mit gewachsenem KI-Anteil. Drei Kategorien decken praktisch alles ab, wofür Sites gedacht ist:
- Klassische Baukästen mit KI-Assistenz – am schnellsten für Marketing-Seiten, mit europäischen Hosting-Optionen und ohne Verkaufsverbot.
- KI-Builder mit Code-Ausgabe, bei denen das Ergebnis ein Projekt ist, das du selbst hostest. Mehr Aufwand, dafür kein Bindungsrisiko.
- Statisches Hosting plus Coding-Agent – der Weg, auf dem diese Seite selbst entsteht. Am meisten Kontrolle, am wenigsten Bequemlichkeit.
Der gemeinsame Nenner: Alle drei geben dir die Dateien. Das ist genau der Punkt, an dem Sites heute keine Zusage macht.
Unterm Strich
ChatGPT Sites ist technisch ernster gemeint, als der Chat-Einstieg vermuten lässt – Datenbank, Dateispeicher, Anmeldung, eigene Domain sind kein Spielzeug. Es ist zugleich ein Produkt mit drei harten Kanten: Es darf nichts verkaufen, es garantiert keinen Ausstiegspfad, und im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es es nicht.
Damit ist die Handlungsempfehlung für hier unaufgeregt: zur Kenntnis nehmen, nicht einplanen. Wer die Entwicklung verstehen will, sollte den eigentlichen Vorgang sehen – die großen KI-Anbieter hören auf, nur Werkzeuge zu liefern, und fangen an, die Plattform darunter zu sein. Was das für die Arbeit mit ihnen bedeutet, steht im Beitrag zu ChatGPT Work.